Linda & Konsorten
Völlig überzogene Reinheits- und Qualitätsgedanken führten vor einigen Jahren dazu, das eine Meute von unterbelichteten Agrartheoretikern auf eine wenig brillante Idee kamen: Sie wollten eine Kartoffelsorte, die "Linda", vom Markt verschwinden lassen. Sie sollte praktisch verboten werden.
Das ist etwa so, als beschlösse man von heute auf morgen, alle Dackel zu verbieten. Es ist auch ähnlich wirkungsvoll. All das nur, um lukrativen Neuzüchtungen Platz zu machen - da haben die Theoretiker die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Der Wirt, hier in Form eines Künstlers, beschließt, das Volk aufzuklären und die gesamte Geschichte der Kartoffel zu entblättern.
Die seit fünf Jahren währende Arbeit zeigt Ergebnisse: Die Kartoffel als Mysterium, als Gottheit, als gemeine Erdfrucht oder nur als nützliche Wegfahrsperre bei ungeliebten Studienräten - Linda und ihre Schwestern haben ihren festen Platz in unserem Alltag und unserer Kultur und sind längst dabei, sogar die indische und thailändische Küche zu bereichern, was als Ritterschlag eines Nahrungsmittels zu werten ist.
Der Autor Nökel bringt die Kartoffel in allen möglichen Facetten des Lebens zur Geltung, er durchleuchtet ihre soziale Struktur ebenso wie die kulturelle Bedeutung als Nahrungspartner der Rasse Mensch, dessen parallele Entwicklung seit der Erfindung der Sünde nicht unberücksichtigt bleibt. Umfangreiche Lehrbildaneinanderreihungen, mit scharfzüngiger und wenig gezügelter Lyrik untermalt, zeigen uns, dass die Geschichte des Menschen und der Welt allgemein völlig neu geschrieben werden muss - wenn man die Kartoffel ins Visier nimmt und ihrer Bedeutung auf den Grund geht.
Endlich wird all das Ganze vom Verfasser auf Papier gebannt und damit auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Am Ende wird dem überraschten Leser eines klar: Der Unterschied zwischen Kartoffel und Mensch ist marginal und am ehesten im Schadstoffausstoß zu finden.
Die Kartoffel wird im Jahr 2008 offiziell die "Pflanze des Jahres". Als hätte Herr Nökel es geahnt.
Text Martin Reuter
